An gut 60 ganz unterschiedlichen Orten zwischen Chausseehaus und Rathaus Wahren findet am 2.September 2017 in der Georg-Schumann-Straße bereits zum 8. Mal die Nacht der Kunst statt.
Eine derart umfangreiche Veranstaltung mit großem Rahmenprogramm in Form von Theater, Musik und Kunstauktion wirkt natürlich weit über Gohlis, Möckern und Wahren hinaus. Und für BewohnerInnen des Leipziger Westens ist die fast 5,5 km lange Magistrale des Nordwestens schnell erreichbar: mit dem Fahrrad durch den Auwald oder mit der Buslinie 80.

Und auch unter den mehr als 160 Ausstellenden sind natürlich einige, deren Lebens- oder Arbeitsmittelpunkt im Leipziger Westen liegt. Das Stadtumbaumanagement Leipziger Westen hat sich mit den KünstlerInnen Anne S. Luisenbach, Axel Bertram und Annekatrin Brandl unterhalten.

Nacht der Kunst 2017

Gerade aus der Perspektive des Leipziger Westens gesehen – was macht die Georg-Schumann-Straße als Ausstellungsort für Sie besonders interessant?

Anne S. Luisenbach: Ich habe eine Weile in verschiedenen Ateliers im Leipziger Westen gearbeitet, aber da ich in Connewitz wohne, habe ich auch wieder mein künstlerisches Schaffen wieder dahin verlagert.
Die Georg-Schumann-Straße als Ausstellungsort ist, nicht nur aufgrund ihrer Größe, etwas besonderes. Es gibt hier noch viele ungenutzte Flächen, die viel Platz für kreativen Freiraum bieten. Die Ausstellungsnacht gibt der Straße eine Atmosphäre voll Kreativität und erweckt sie zu neuem kulturellem Leben.

Axel Bertram: Vor etwa acht Jahren kam ich aus Thüringen (Jena) nach Leipzig und habe ein Atelier im Tapetenwerk gefunden. Hier hatte ich eigene Ausstellungen bzw. bin an Ausstellungen beteiligt. Das Tapetenwerk wurde zu meinem Arbeitsmittelpunkt. Die Nähe zur Spinnerei und zum Künstlerbedarf Boesner ist attraktiv.
Mein Wohnort ist Eutritzsch, also nicht weit von der Georg-Schumann-Straße entfernt. Da ich ursprünglich aus Leipzig stamme, ist mir diese endlos lange Straße bekannt und sie mittels Kunstfesten zu beleben und Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, finde ich sehr schön. Gäbe es einen Ort an dem öfter interessante Ausstellungen stattfinden, würde das der Bekanntheit guttun und es ergäben sich Möglichkeiten für den Austausch zwischen den Stadtteilen.

Annekatrin Brandl: Durch meine persönliche Bindung konnte ich die Straße in ihrem Veränderungsprozess ein Stück weit beobachten, d.h. in der Zeit von 2009 bis 2013 sehr intensiv – damals hatte ich meinen Lebensmittelpunkt in der Nähe der Georg-Schumann-Straße, ab 2014 dann aus der „Ferne“ des Leipziger Westens. Mir fiel der enorme Leerstand auf. Das Spannungsfeld zwischen „neuer“ und „alter“ Architektur faszinierte mich auf einer künstlerischen Ebene sehr. Zu dieser Zeit war es noch möglich, einfach in diese leerstehenden Gebäude hineinzugehen und sie zu erkunden.

Die „Nacht der Kunst“ findet ja bereits zum wiederholten Male statt – waren Sie persönlich auch schon in den letzten Jahren dabei? Sind Veränderungen sichtbar? Wie entwickelt sich das kulturelle Leben an der Georg-Schumann-Straße? Und: wird auch etwas verkauft während der „Nacht der Kunst“?

Anne S. Luisenbach: bisher habe ich nur an der Auktion vor 2 Jahren teilgenommen. Da mein Kontakt mit der Gegend nur punktuell ist, kann ich die Entwicklung des kulturellen Lebens auf der Georg-Schumann-Straße nicht so gut einschätzen.

Axel Bertram: Auch ich nehme zum ersten Mal an der Nacht der Kunst teil.

Annekatrin Brandl: Ich bin in diesem Jahr zum dritten Mal dabei. Es wird schwieriger, Räume zu finden, vor allem Leerstand. Ja, es wird auch verkauft.
Um über die kulturelle Vielfalt berichten zu können, müsste ich dort leben. Ich wohne im Leipziger Westen, bin aber natürlich beruflich ab und zu auf der Georg-Schumann-Straße unterwegs. Vielleicht können aus der Beobachterperspektive leichte Tendenzen wiedergegeben werden: die Geschäfte auf der GSS werden meiner Meinung nach „bunter“ und „vielfältiger“.

In welchen Räumen und in welchem Umfeld kann man Ihre Werke am 2.September denn bewundern?

Anne S. Luisenbach: Meine Werke und die vieler anderer Künstler kann man im Glashaus (Anmerkung: in der Nähe des Viadukts, Georg-Schumann-Straße 294) betrachten. Die Auktion findet im Klubheim „Samuel Heinicke“ (Huygensstraße 1) statt.

Axel Bertram: Mein Bild „In Erwartung“ wurde für den Start der Postkartenserie zur Nacht der Kunst ausgewählt und soll am 2. September im Klubheim „Samuel Heinicke“ versteigert werden. Sollte mein Bild ersteigert werden, wäre das ein kleiner Beitrag für den Förderverein Georg-Schumann-Straße.

Annekatrin Brandl: Ich werde in der Georg-Schumann-Straße 116 ausstellen, im hinteren Teil eines Gebäudekomplexes (ehemaliges Gohliser Wannenbad). Ich bin zufrieden.

Es wird oft darüber gesprochen, dass die Möglichkeiten, hier im Leipziger Westen auszustellen, weniger werden. Zahlreiche – gerade informelle – Ausstellungsräume existieren ja heute nicht mehr. Ist der Leipziger Westen für Künstler trotzdem immer noch ein guter Ort?

Anne S. Luisenbach: Das Thema der Stadtteilentwicklung ist sehr vielschichtig und lässt sich nur schwer in ein paar Zeilen abhandeln. Ein kurzer Versuch. Der Leipziger Westen (betrachtet am Beispiel des Karl-Heine-Areals) hat sich verändert und nicht unbedingt nur zum Besseren. Viele kulturelle und kreative Räume existieren nicht mehr oder befinden sich im Kampf gegen das Verschwinden. Der wahrscheinlich normale Entwicklungswahnsinn einer florierenden Stadt, aber ich denke man sollte nicht vergessen, dass diese Orte Ausgangspunkte der kulturellen Wiederbelebung eines Stadtteils waren und daher auch ihre Daseinsberechtigung haben. Es wäre schön, wenn Leipzig dabei neue Wege gehen könnte – gemeinsam mit Kunst und Kultur, unabhängig von Profit und Investorengehabe. Kunst und Kultur prägen das Bild einer Stadt und formen ihren Charakter. Verschwinden diese Orte, verschwindet irgendwann auch die Seele einer Stadt und wir rennen nur noch durch glitzernd blinkende Einkaufspassagen, in der Kunst und Kultur maximal nur noch als schmückendes Beiwerk erlaubt sind. Stadt braucht Individualität und Vielfalt.

Axel Bertram: Ausstellungsmöglichkeiten gibt es schon noch. Beispielsweise im Tapetenwerk ermöglichen mehrere Mieter in ihren Räumen zweimal jährlich Ausstellungen, und der BBK Leipzig hat einen eigenen Projektraum.
Ansätze für künstlerisches Arbeiten finde ich neben der Natur seit einiger Zeit in Industriebrachen, geschlossenen Läden, Baustellen und ähnlichem. Die konkreten Gegebenheiten wirken als Auslöser für den Beginn der Arbeit. Mich fasziniert, dass die alten Mauern Zeit gespeichert haben und gleichzeitig durch bemalen und bekleben das heutige Leben zeigen und Hoffnung auf kreative Veränderungen aufkommen lassen.

Annekatrin Brandl: Mein Atelier befindet sich in der Diakonissenstraße 2, in einer ehemaligen Konditorei, d.h. ich bin von dieser „Problematik“ nicht direkt betroffen und kann mir von daher kein Urteil erlauben. Nur soviel vielleicht – aus der Nachwendesituation heraus entwickelte sich ein angenehmes freies Klima in Leipzig, welches sich auch in den „Räumen“ widerspiegelte. Vielleicht ist dieses Klima u.a. im Zuge der Gentrifizierung inzwischen ein Stück weit verloren gegangen.

 

Alles Wissenswerte zur Nacht der Kunst ist auf dieser Internetseite zusammengefasst. Los geht’s am 2.September übrigens ab 16 Uhr.